Werbung

Braueralltag und Bierdurst

Es ist wohl immer noch üblich, daß die Brauer in der Brauerei einen eigenen Raum,den Schalander zu ihrer Verfügung haben. Dieser dient als Umkleideraum, wie auch als Aufenthaltsraum. Manches fröhliche Beisammensein nahm hier seinen Anfang.

Nun ist es eigenartig, daß die Brauer ihr Produkt, das Bier, nicht satt kriegen können, im Gegensatz zu anderen Branchen und Produkten. Das führte z.B. dazu,daß die zwei Liter Haustrunk, die jedem in der Brauerei Beschäftigten täglich zustanden und Bestandteil seines Lohnes waren, bei weitem nicht ausreichten, den täglichen Bedarf des Einzelnen zu decken.

Daher wurde in jeder Brauerei geschossen, will heißen, zusätzliches Bier beschafft. Die Wege dazu waren in jeder Brauerei anders, aber immer effektiv.

So wurde in der einen Brauerei in den Kaps gezwickelt. Da dies im Lagerkeller geschah, brauchte man dazu einen Eimer mit Kohle um das Bier im Kaps zu erwärmen. Gezwickelt wurde vom reifsten Lagergefäß, meistens ein Tank, das in den nächsten Tagen abgefüllt werden sollte.

In einer anderen Brauerei gab es Faßbierautomaten, die mit einer Münze betrieben wurden. Waren die Münzen aufgebraucht, wurde der Automat mit dem Sägeblatt einer Metallsäge überlistet.

Der Haustrunk, zwei Liter täglich, durfte mit nach Hause grnommen werden. Das waren meist Biere in 4 x 0,5 Liter oder 6 x 0,33 Liter Flaschen pro Tag. Da nun nach dem Basis-Trinksystem der Brauer:
0,5 l zum Frühstück
0,5 l zu Mittag
0,5 l zum Feierabend verzehrt wurden, blieben theoretisch nur 0,5 l zur Mitnahme übrig. Zwischen diesen Zeiten wurde natürlich noch mehr geschmiert.

Die Brauereien versuchten natürlich zu verhindern, daß Bier illegal aus der Brauerei hinaus gelangte. So wurde in einigen Brauereien der Haustrunk in weiße Flaschen abgefüllt, wie sie eigentlich für Limonade üblich waren.

Das hatte aber keinen Erfolg, da man sich auf weiße Flaschen spezialisierte.

Es war deshalb völlig klar, das die Biermenge von 2 Liter pro Tag für den Tagesbedarf eines Brauers keineswegs ausreichte. Schließlich wollte man ja zu Hause auch noch etwas trinken und etwaigem Besuch ein Bier kredenzen. Also mußte geschossen werden.

Dazu waren in den Brauereien tolle Techniken entwickelt worden, wobei eigentlich immer Flaschenbier geschossen wurde, weil man das am unauffälligsten transportieren konnte.

Die folgenden Erlebnisberichte stammen aus stillgelegten Brauereien.

Die Nachtschicht und das Spundloch

In einer Brauerei , die in drei Schichten arbeitete, wurde Bier aus dem Faßkeller geholt und auf Flaschen abgefüllt. Da die Tagschicht keine sichere Gelegenheit hatte zu Bier zu kommen, sprang die Nachtschicht ein und versorgte die Tagschicht mit Bier. Die Spätschicht mußte ihre Gelegenheiten wahrnehmen.

Dabei wurde so vorgegangen, daß ein volles Faß am Spundloch geöffnet wurde und mittels eines Schläuchleins der Inhalt auf Flaschen gezogen wurde. Das leere Faß wurde auf die Faßwichs gebracht, wo es am nächsten Tag gereinigt und wieder zur Befüllung gebracht wurde. Um am Faßinhalt teilhaben zu können, brauchte man Flaschen.

Ein echter Brauer hatt also immer ausreichend Leergut zu seiner Verfügung. Es war eigentlich so, daß jeder der von dem Bier etwas abhaben wollte, entsprechend Leergut zur Verfügung habem mußte. Damit es keine Störungen gab, wurde auch der Nachtwächter mit bedacht. Dafür sammelte er auch leere Flaschen. und stand Schmiere, damit nichts Unangenehmes passierte.

Bier für die Polizei

In einer anderen Brauerei holte sich die Polizei nachts mehrere Kästen Bier ab, die von der Brauereileitung beim Pförtner bereitgestellt waren. Das geschah mit einer selbstvertändlichen Regelmäßigkeit jeden Tag. Dadurch waren die Bierfahrer in diesem Revier geschützt, wenn sie mal Probleme hatten. Dafür standen die Pförtner später selbst Schmiere, um an Bier zu kommen

Der Spind als wichtiger Aufbewahrungsort

Schließlich wurde in einer Brauerei, die ebenfalls heute nicht mehr existiert, das Flaschenbier aus dem verschlossenen Flaschenkeller nachts kästenweise herausgeholt. Wobei auch wieder die Nachtwächter Schmiere standen. Hier hatten allerdings die Betriebsschlosser einen Schlüssel hergestellt, dessen nächtliche Herausgabe natürlich mit Bier honoriert wurde.

Um die einzelnen Übergabeorte zügig bedienen zu können stand ein handgezogener  Tafelwagen zur Verfügung. Im Brauerschalander waren immer zwei Spinde freigehalten, die mit jeweils zwei Kästen  Bier á  30 x 0,5 Liter  gefüllt waren. Die Spinde waren mit Schlössern gesichert und die Schlüssel wurden von älteren Brauern verwahrt.

Beim geringsten  Anlaß zum Feiern wurden die Spinde geöfnet und die Kästen geleert. Dann aber wurde der Inhalt schnellstens  von der Nachtschicht erneuert. Und es gab viele Anlässe.

Einstand und Austand eines Brauers

Es war Usus und Sitte, daß ein neuer Brauer seinen Einstand gab. Das Bier dazu stellte er sich selbst zur Verfügung. Dazu gab es einen kleinen Imbiß. Im Norden kam dann die „Buddel Korn“ hinzu. Aber auch gute Liköre wurden in manchen Gegenden nicht verachtet.

Dasselbe Ritual  galt auch für den Ausstand, der gegeben wurde, wenn ein Brauer in eine andere Brauerei wechselte.

Im Nachhinein ist zu sagen, daß es zu dieser Zeit zwar harte Arbeit gab, aber die verband die Truppe. Heute wird alles durch den Computer erledigt, der wiederum die Maschinen steuert und der heutige Brauer hat keine körperliche Arbeit mehr einzusetzen.

Ist das zum Wohle der Menschheit?